Allgemein

Aufräumen.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch bzw. ein eBook in die Hände und es war das erste seit sehr langer Zeit das ich zu Ende gelesen habe und das nichts mit dem Studium zu tun hatte. Karen Kingston und ihr „Feng Shui gegen das Gerümpel“ hat mich eingenommen. Dazu muss man wissen, ich bin eher nicht so der Esoterik-Typ und hiermit gestehe ich, ich halte Menschen mit Traumfängern für eher merkwürdige Zeitgenossen. Nichtsdestotrotz will ich den ganzen Müll der sich angesammelt hat nicht mit ins neue Haus umziehen.

Natürlich hätte ich meine Hausarbeit schreiben können, aber mit Feng Shui fließt ja das Chi und die Schreibblockade löst sich quasi von allein (Spoiler: Meine Schreibblockade löste sich in Luft auf als ich zwei Tage vor Abgabe mit der Mitarbeiterin vom Prüfungsamt gesprochen habe. Sie nannte mir die wesentlich aufwendigeren Alternativen zur Nicht-Abgabe. Meine Güte, da sprudelten die Worte förmlich aus mir heraus.)

Ich begann in unserem Badezimmer. Es ist kein Raum den ich besonders mag und auch sonst gab es noch niemanden der sagte wie schön unser Bad sei. Es ist eher so ein „Ein Glück haben wir ein Bad.“ Ich nahm große zwei Tüten mit zum Ausmisten. Eine große Mülltüte und eine große stabile Plastiktüte, um jenes Gerümpel zu sammeln, dass zwar noch gut ist, aber bei jemand anderen besser aufgehoben ist. Nach gerade mal einer Stunde war ich fertig. Die volle Mülltüte flog im hohen Bogen in den Restmüll und für die andere Tüte fand ich noch einen dankbaren Abnehmer zwei Tage später. (Wobei Karen Kingston sagt, man soll nach dem Entrümpeln den Kram sofort wegschaffen.)

Direkt nach dem Bad begann ich meinen Mann zu quälen und machte mich an den Vorratsschrank. Dieser hat keine Schubladen und ist ziemlich tief, weswegen schon mal Dinge mit Mindesthaltbarkeitsdatum in den Tiefen des Schrankes verschwinden. Nachdem die zweite Mülltüte gefüllt war, bestellte ich Regaleinsätze um die hintersten Ecken des Vorratsschrankes übersichtlicher zu gestalten. Nach dem Ausräumen des Bades hatte ich noch ein Körbchen übrig in dem wir jetzt die Nudeln sammeln. Ich musste auch feststellen, ich habe einen Öl-Messi geheiratet. Wir haben circa zehn verschiedene Öle (zum Teilhaben wir von einer Sorte vier verschiedene Ausführungen. Braucht jemand Kürbisöl?) Ich muss zugeben, diese erste Entrümelungstat hat mich enorm erleichter. Es hatte was von Luft holen, Durchatmen und auch „stolz sein“. Stolz sich von Dingen gelöst zu haben.

Es gibt nur wenige Sachen an denen ich wirklich hänge und wenn die Hütte abbrennen würde, gäbe es keine materiellen Dinge die ich aus dem Feuer würde retten wollen. Ich lebe nach dem Grundsatz, alles ist ersetzbar. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht gerne mit schönen Dingen umgebe. Allerdings trage ich heute noch ein bisschen das Trauma meiner Kindheit mit. Meine Mutter ist das Kind einer Nachkriegsgeneration und schmeißt Dinge erst dann weg, wenn sie kaputt sind. Das bedeutete für mich als Kind die Kleidung der Cousine aufzutragen, auch weil das Geld damals sehr knapp war. Mein Kinderzimmer, eine massive Schrankwand, welches meine Eltern gekauft haben als ich circa vier Jahre jung war, stand noch in meinem Zimmer als ich mit 17 ausgezogen bin . Als ich circa 14 war, habe ich versucht das Gerümpel meiner Kindheit wegzuwerfen. Kleine Dekogegenstände und Stofftiere, meine alte Flöte und Bücher. Was meint ihr was da zu Hause los war? Meine Mutter kontrollierte mein entsorgtes Gerümpel um es aufzuheben und unter ihrem Bett zu verstauen. Auf ihrem Kleiderschrank stapelte sich das Zeug, zum Beispiel meine Babysachen. Denn, so das Argument meiner Mutter, falls ich mal Kinder bekomme, dann kann ich meinen Kind die hübsche rote Latzhose anziehen die ich damals so gerne mochte (Himmel, hilf!). Die Fenster in unserer Wonung ließen sich nicht richtig öffnen, weil auf den Fensterbrettern Nippes (mein Begriff für „Deko“) rumstand. Die Balkontür ging dank des Fadenvorhangs nur umständlich auf, denn es hang immer ein verdammter Faden dort wo kein Faden hingehörte. Es machte mich wahnsinnig. Doch neben dem ganzen Nippes und Gardinen hat meine Mutter auch einen eigenen Sinn für Farben. Die Auslegware in meinem Kinderzimmer war Apricot (in der Wohnung davor waren es Clowns – ein grauer Teppich mit Clowns!) und alle vier Wände waren in babyblauer Tapete tapeziert. Natürlich hat mich niemand nach meiner Meinung gefragt und natürlich musste ich so tun als fände ich das alles total toll. Der Rest der Wohnung war nicht besser. Im Wohnzimmer lag lila farbende Auslegware und es gab eine schwarze Schrankwand. Die Küche war damals, und ist es immer noch, lindgrün. Doch die Lieblingsfarbe meiner Mutter ist nach wie vor Orange. Auch wenn ich als Kind kein Mitspracherecht hatte, so hatte ich durchaus eine Meinung: Meine Mutter hat weder ein Gefühl für Farben, noch hat sie Geschmack. (Ich liebe sie trotzdem und sie hat sich gebessert.)

Als ich dann auszog und meine Mutter mich zum ersten Mal in meiner ersten Wohnung besuchte, traf sie schier der Schlag. Weiße Wände, weiße Möbel, nahezu kein Nippes, und keine Gardinen. Ich kann inzwischen zwar keine weißen Möbel mehr sehen, aber den klaren Linie in meiner Einrichtung blieb ich bis heute treu. Meine Mutter hat sich inzwischen daran gewöhnt. Irgendwann kam dann mein jetziger Ehemann und brachte meinen minimalistischen Hausstand durcheinander. Seit vier Jahren versuche ich Dinge „verschwinden“ zu lassen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. („Wir hatten mal sechs Pfannen? Bist du dir sicher? Nee, also ich habe bisher nur diese zwei gesehen. Keine Ahnung wie du auf sechs Pfannen kommst.“ *hust*)

 

Es gibt noch etwas das Frau Kingston schreibt und dem ich leider zustimmen muss: Lose Enden kosten Kraft. Damit ist jenes gemeint was du aufschiebst, vertagst oder wann anders machen willst, kostet dich Kraft, weil du permanent daran denkst um es nicht zu vergessen. Es gibt zwei Bereiche in denen  ich Dinge aufschiebe: Arbeit und Hausbau. Die Gründe sind verschieden. Seit zwei Wochen mache ich das nicht mehr und am Ende des Tages schlafe ich wie ein großes Baby. Das Buch hat zwar nicht mein Leben verändert, es hat allerdings dazu geführt, dass ich meine innere Einstellung zu den Dingen die mein Leben maßgeblich beeinflussen überdacht habe. Danke dafür Karen Kingston!

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